Im Februar habe ich mir einen AI Cycling Coach gebaut, weil ich Claude Code kennenlernen wollte. Er läuft immer noch. Von der Version aus dem Februar ist trotzdem kaum etwas übrig.
Damals war es ein Wochenendprojekt: ein Dashboard, ein Chat und ein Coach, der genau eine Trainingsmethode kannte. Sechs Monate später ist daraus ein Werkzeug geworden, dem ich mein Training tatsächlich anvertraue. Was sich in der Zwischenzeit geändert hat, ist mehr als ein Update. Es ist eine andere App.
Die Trainingsmethodik ist einstellbar geworden
Der größte inhaltliche Bruch. Im Februar war genau eine Methode fest verbaut, eine klassische Rennrad-Periodisierung, ausgelegt auf einen Formgipfel an einem bestimmten Tag. Für Brevets über 300 und 400 Kilometer brauche ich etwas anderes: einen höheren aeroben Boden, nicht eine schärfere Spitze.
Heute wähle ich die Methodik aus, pro Athlet, im Adminbereich. Ich fahre unsere eigene Synthese für Ultra-Distanzen: der weitaus größte Teil der Zeit locker, ein kleiner und klar begrenzter Anteil richtig hart, und der Bereich dazwischen so schmal wie möglich. Genau der ist bei Ultra-Distanzen die Falle. Er sammelt Müdigkeit ein, ohne die Grundlage entsprechend zu heben. Dazu die Blöcke, die es so nur bei uns gibt: lange Fahrten an aufeinanderfolgenden Tagen, Ernährung als eigener Trainingsinhalt, im Extremfall eine Nachtfahrt als geplante Einheit.
Die Methodik liegt als eigenes Dokument im Projekt, nicht im Code. Ich kann die Trainingslehre ändern, ohne die App anzufassen. Klingt nach Kleinkram, war aber die Voraussetzung für alles, was danach kam.
Kraft gehört zum Plan
Radfahren ist nur die Hälfte. Jeder Athlet kann einen eigenen Kraftplan hinterlegen, mit Übungen, Sätzen und Sicherheitsregeln, die für den Coach nicht verhandelbar sind. Er legt die Einheiten mit genug Abstand zu den harten Fahrten, und er erkennt an den Daten, ob ich sie tatsächlich gefahren bin, egal mit welcher Uhr ich sie aufgezeichnet habe.
Eine Feinheit, auf die ich stolz bin: Meine kurze Morgenroutine zählt nicht als Session. Alles unter 25 Minuten hakt er nicht ab. Nach einer Wirbelsäulen-OP ist Kraft der Teil, den ich am wenigsten schleifen lassen darf, und ich will mir das nicht mit 15 Minuten Mobility schönrechnen.
Der Coach hat ein Gedächtnis bekommen
Der größte Umbau. Im Februar kannte der Coach meine Zahlen und mein Profil, aber er hat nichts dazugelernt. Jedes Gespräch fing bei null an.
Heute schreibt er nach jeder Synchronisierung in eine eigene Datei, was er über mich gelernt hat. Meine HRV-Baseline. Wie schnell meine Frische nach einem harten Block zurückkommt. Dass ich keine Gels vertrage und mit Datteln, Reiskuchen und Kartoffeln fahre. Und die Schwäche im rechten Bein, die von meiner Wirbelsäulen-OP übrig ist, gemessen über die Links-Rechts-Balance der Pedale.
Zwei Regeln halten das sauber: maximal zwei neue Einträge pro Synchronisierung, und nur bei klarem Signal aus mehreren Fahrten. Sonst schreibt sich jeder schlechte Dienstag als Muster fest und der Coach coacht am Ende ein Zerrbild von mir.
Er stellt Rückfragen
Das ist die Funktion, die sich am meisten nach einem echten Coach anfühlt. Nach der Synchronisierung darf er mir genau eine Frage stellen. Und nur solche, die er aus den Daten nicht beantworten kann: wie der Magen auf der langen Einheit war, warum eine geplante Einheit ausgefallen ist, wie sich ein bestimmter Anstieg angefühlt hat.
Nach meinem TSB darf er nicht fragen. Der steht ja da. Meine Antwort landet zurück im Gedächtnis, und die letzten fünf beantworteten Fragen sieht er beim nächsten Mal, damit er nicht dasselbe noch einmal fragt.
Er schreibt das Training zurück auf den Radcomputer
Der Coach plant nicht mehr nur im Chat. Er legt die Einheit direkt in intervals.icu an, mit Wattvorgabe für jeden Schritt, und von dort geht sie auf meinen Coros Dura. Ich sage Ja, und am nächsten Morgen liegt das Training auf dem Lenker.
Drinnen läuft dasselbe auf dem Wahoo Kickr. Der Hometrainer fährt die Wattvorgaben des Coaches Schritt für Schritt ab, ich muss nur treten. Das ist der Teil, der im Winter den Unterschied macht: keine Diskussion mehr darüber, was heute dran ist.
Der unschöne Teil daran: Wiederholungen („9 mal 30 Sekunden“) werden beim Import unzuverlässig gelesen, manchmal kommt nur ein einziges Intervall an. Also schreibt der Coach jede Wiederholung einzeln aus, und im Hintergrund läuft eine Funktion, die genau das noch einmal prüft, bevor irgendetwas hochgeht. Solche Stellen sind der eigentliche Unterschied zwischen einem Prototyp und einem Werkzeug.
Ein Agent liest Studien, entschieden wird von mir
Einmal pro Woche sucht ein zweiter Agent nach neuen Veröffentlichungen zu Ausdauertraining, Polarisierung, HRV und Masters-Athleten. Er schreibt seine Funde in ein Log und schlägt konkrete Änderungen an meiner Trainingsmethodik vor.
Und dann passiert erst einmal nichts. Die Vorschläge stehen in einem Adminbereich, ich hake an, was ich übernehmen will, und erst danach schreibt er das Methodik-Dokument um. Ich lese die neue Fassung, bevor sie gilt. Human in the Loop. Immer. Ohne diesen Zwischenschritt hätte ich nach ein paar Wochen eine Trainingslehre, die ich nie gelesen habe, und würde danach fahren.
Und ein Test, ob er gefährlichen Unsinn erzählt
Dazu gibt es inzwischen eine Reihe von Sicherheits-Testfällen: Brustschmerz auf dem Rad, ein Athlet der geradewegs ins Übertraining fährt, Werte die auf etwas Medizinisches hindeuten. Ein zweites Modell benotet die Antworten des Coaches anhand fester Kriterien, und das läuft, bevor eine neue Version online geht.
Ich bin kein Sportwissenschaftler und erst recht kein Arzt. Aber ich kann prüfen, ob meine App weiß, wann sie aufhören muss zu coachen und mich zum Arzt schicken soll.
Er läuft nicht mehr auf meinem Rechner
Im Februar habe ich hier geschrieben: läuft komplett lokal, keine Cloud, keine Abos. Das stimmt nicht mehr. Der Coach liegt heute auf einem kleinen Server in Frankfurt, hinter einem Passwort, mit den Daten auf einem eigenen Volume.
Der Grund ist banal. Ein Coach, der nur läuft, wenn mein MacBook zu Hause aufgeklappt ist, ist kein Coach. Ich will nach der Fahrt im Café aufs Handy schauen können, nicht abends am Schreibtisch.
Wie sich das im Alltag anfühlt
Ende August, vier Wochen vor einem 400er. Ich habe ihn nach meinem Stand gefragt. Der Coach antwortet auf Englisch, weil ich ihn so gebaut habe:
Ich: "How is my training progressing? Show my CTL/fitness trend, current
phase, how far I've come, and what's needed to reach my goal."
Coach: Here's the honest picture — 4 weeks out from the 400km brevet
(Sep 26), and the main issue is you're coasting into it too fresh.
CTL arc (fitness):
* Peak build: ~85 late May / early June (Dolomites block)
* Since then: slow bleed → 83 (Jun) → 77 (Jul) → 76 (Aug) → 65 today
* Last 2 weeks the drop accelerated: TSB has sat +10 to +29 nearly
every day, ATL collapsed to 36. You've been resting more than
training.
TSB +29 today isn't "peaked" — it's detrained-fresh. That's a
20-point CTL loss off your June peak.
Phase: this should be Peak — hold intensity, trim volume. Instead
volume AND intensity both dropped. Wrong direction.
Priority this week: stop the CTL slide. Want me to build the next
2 weeks — 2 long U2 rides + 1 sharpener — to bring you in sharp
instead of flat?
Was ich daran mag: Er erzählt mir nicht, dass alles gut läuft. Er sagt mir, dass ich zu frisch in das Rennen laufe, und er benennt den Unterschied zwischen ausgeruht und untrainiert. Meine Frischewerte sahen wochenlang prima aus. Die Form darunter ist trotzdem um 20 Punkte gefallen.
Und die letzte Zeile ist keine Floskel. Wenn ich Ja sage, baut er die beiden Wochen und legt sie in den Kalender.
Das Fazit
Das Wochenende im Februar war der einfache Teil. Ein Prototyp entsteht heute wirklich an zwei Tagen, und das ist die gute Nachricht für jeden, der etwas bauen will.
Die eigentliche Arbeit kam danach: das Gedächtnis, die Rückfragen, die Freigaben, die Tests. Alles Dinge, die man auf einem Screenshot nicht sieht. Der Satz aus dem Februar stimmt trotzdem weiter: Bau, was du selbst brauchst. Nur ist „gebaut“ kein Zustand. Nach sechs Monaten ist mir das Ding vertrauter als jede Trainings-App, und fertig wird es nie.
Wenn ihr Fragen zur App, zu Claude Code oder zum Thema KI im Training habt, schreibt mir einfach.
